Das Geheimnis der Pyramide im Schaumburger Wald (bei Rusbend, Deutschland)

Dass große Herrscher in Pyramiden bestattet werden, wissen wir seit den ägyptischen Pharaonen. Mit deren Reich kann sich unser kleines Fürstentum nicht ganz messen. Das war mit Sicherheit auch Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe klar. Trotzdem ließ er 1776 das Mausoleum für sich und seine kleine Familie in Form einer Stufenpyramide errichten.

Es ist ein schöner Sonntag im Frühling, und uns steht der Sinn nach einer kleinen Fahrradtour. Das Ziel ist schnell gefunden, denn seit die Jungs gehört haben, dass sich ganz in der Nähe von Schloss Baum eine Pyramide befindet, wollen sie die auch sehen. Von Bückeburg bzw. Minden aus führt die ausgezeichnete Radstrecke der Fürstenroute hier vorbei bis ans Steinhuder Meer. Das Gelände ist flach, alle Umstände angenehm, und so haben wir es bald geschafft. Vom Waldweg aus ist das Bauwerk nicht zu übersehen.

Für die Ewigkeit gebaut, oder doch wenigstens dafür, sie zu symbolisieren: Das Mausoleum von Graf Wilhelm und seiner Familie schimmert unweit von Schloss Baum durch die Vegetation. (Built for eternity or at least to symbolize it: the pyramid is the grave of Graf Wilhelm zu Schaumburg and his small family.)

Für die Ewigkeit gebaut, oder doch wenigstens dafür, sie zu symbolisieren: Das Mausoleum von Graf Wilhelm und seiner Familie schimmert unweit von Schloss Baum durch die Vegetation. (Built for eternity or at least to symbolize it: the pyramid is the grave of Graf Wilhelm zu Schaumburg and his small family.)

Das wundert mich, denn als ich das letzte Mal hier war, versteckte sich das Mausoleum noch zwischen dichten Nadelbäumen. Hier ist offenbar einiges im Schwange, und als wir auf die schwere Eingangstür des Grabmals zugehen und uns den Aushang ansehen, wissen wir auch, was: Die ganze Anlage soll zurückversetzt werden in ihren ursprünglichen Zustand, gemäß den Plänen, die Graf Wilhelm selbst entworfen hat. Ein spiralförmiger Weg ist neu angelegt, gesäumt von Buchenhecken, die noch ein bisschen Zeit brauchen, bis sie wirklich was her machen. Spätestens dann aber wird sich das Mausoleum – das nach denen in Bückeburg und Stadthagen übrigens nur das drittgrößte im Schaumburger Land ist – zu einer echten Sehenswürdigkeit mausern.

So soll's werden: Die derzeit noch spärlich sprießende Spirale steht für den Lebensweg, Pyramide und Dreieck symbolisieren das aufklärerische Denken des Freimaurers. (This is how the park is going to look like again.)

So soll’s werden: Die derzeit noch spärlich sprießende Spirale steht für den Lebensweg, Pyramide und Dreieck symbolisieren das aufklärerische Denken des Freimaurers. (This is how the park is going to look like again.)

„Und wer ist da jetzt genau begraben?“ fragt Janis, während er vergeblich versucht, die Geheimnisse im Innern der Pyramide durch die Lüftungsschlitze zu ergründen. Ich habe mich vorher schlau gemacht und kann ihm die traurige Geschichte erzählen von dem Grafen, der erst sein einziges kleines Töchterchen verliert, zwei Jahre später seine Frau, und der im Jahr drauf selbst stirbt, so dass sie sie alle drei vereint sind in dem dunklen Raum da vor uns. Die Jungs wollen es genau wissen. „Wie hieß das Mädchen?“ – „Woran ist die gestorben?“ – „Wie alt war die?“ Sie hieß Emilie, erkrankte an Tuberkulose, was damals oft genug tötlich endete, und starb kurz vor ihrem dritten Geburtstag. „Oje“, sagt Janis, und für einen kurzen Moment sind die Kinder echt betroffen. Dann aber entdecken sie gefällte Baumstämme, die zum Klettern einladen (nachdem ich ihnen vehement klar gemacht habe, dass es sich bei dem Grabmal nicht um ein Klettergerüst handelt), und schon sind sie wieder ganz mit ihrem Spiel beschäftigt. Was ich mir sonst noch über Graf Wilhelm und seine Familie angelesen habe, kann ich bloß noch Martin erzählen.

Im Moment wirkt die Anlage reichlich kahl - sie wird gerade zurückversetzt in ihren ursprünglichen Zustand als Landschaftsgarten. (Right now the area around the mausoleum looks a bit rough, but it is going to be re-transformed into a park full of symbolic meaning.)

Im Moment wirkt die Anlage reichlich kahl – sie wird gerade zurückversetzt in ihren ursprünglichen Zustand als Landschaftsgarten. (Right now the area around the mausoleum looks a bit rough, but it is going to be re-transformed into a park full of symbolic meaning.)

Der Landesherr galt als aufgeklärter und intelligenter Mann, zählte am Hof von Friedrich dem Großen zum engeren Zirkel um den Philosophen Voltaire. Als Heerführer diente er Preußen im Siebenjährigen Krieg und entwickelte die Theorie des reinen Verteidigungskriegs, welchen er für die einzig vertretbare Variante der Kriegsführung hielt. Als er sich nach dem Tod seines Vaters und seines älteren Bruders den Regierungsgeschäften des Zwergstaates widmen musste, tat er das unter großer Beliebtheit des Volkes (wenn auch nicht gerade der seiner Staatskasse, da er unheimlich viel Geld ins Militär steckte). Er war es, der im Steinhuder Meer die künstliche Insel mit der Festung Wilhelmstein errichten ließ, und auf seine Initiative ging dort der Bau des ersten Unterseeboots zurück. „Ein großer Herr, aber für sein Land zu groß“, klagte Johann Gottfried Herder, der 1771 als Hofprediger nach Bückeburg kam.

Der Dichter und Freund Goethes war generell nicht sonderlich angetan von seiner neuen Stellung in dem kleinen Schaumburg-Lippe, wohl aber von Wilhelms 20 Jahre jüngeren Frau, Gräfin Marie. Ihre Gläubigkeit beeindruckte ihn sehr – und das wiederum passte dem Grafen nicht. Es muss eine schwierige Dreiecksbeziehung gewesen sein, wie aus zahlreichen Briefen Herders hervorgeht. Er war es, der die kleine Emilie taufte und dann so bald wieder beerdigte. Die Trauerfeier für Gräfin Marie zwei Jahre drauf war seine letzte Amtshandlung in Bückeburg.

Schloss Baum gilt als eines der kleinsten Schlösser in Europa. (The tiny summer residence is said to be one of the smallest palaces in Europe.)

Schloss Baum gilt als eines der kleinsten Schlösser in Europa. (The tiny summer residence is said to be one of the smallest palaces in Europe.)

Nur wenige Meter von der Grabstätte entfernt befindet sich das Jagdschloss Baum, ein winziges Lustschloss, das Graf Wilhelm bereits 1760 errichten ließ. Hier war sein bevorzugter Aufenthaltsort, jenseits des höfischen Protokolls des großen Schlosses in Bückeburg. Es liegt an der Grenze der damaligen Grafschaft, der Name „Schloss Baum“ bezieht sich auf den Schlagbaum an der Zollstation. Heute ist es eine Tagungsstätte der evangelischen Jugend in Schaumburg, kann – mit jahrelanger (!) Vorlaufzeit – aber auch für grandiose Hochzeiten und andere Veranstaltungen angemietet werden.

Freitags zeige ich euch spannende Ausflugsziele aus Schaumburg und der näheren (und weiteren) Umgebung. Es gibt so viel zu erkunden in aller Welt, aber auch bei uns zu Hause warten genügend kleine, große und völlig unterschätzte Sensationen darauf, entdeckt zu werden. Und vielleicht ist ja genau die richtige Idee für eure Wochenend-Planung dabei?

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Familienausflug in die Regen-Stadt (in Bergen, Norwegen)

Ein Stadtbummel durch die regenreichste Stadt Europas ist meistens nass, aber immer interessant. Die hölzerne Altstadt der Brygge, der Fischmarkt und Håkons Halle lohnen einen Besuch, und auch für Kinder gibt es viel zu entdecken und zu erkunden.

Es fing wieder an zu regnen, und wir fuhren in die Innenstadt. Die Tiefgarage war in den nackten Fels gesprengt. Ein sehr merkwürdiges Gefühl, quasi in einer Höhle zu parken, die weiß angestrichen und mit ein paar Stahlbetonträgern ausgestattet ist. Wenn man sich vorstellt, wie viel Arbeit nötig war, um das Ding in Existenz zu bringen, verwundern auch die exorbitanten Parkgebühren nicht mehr.

Typischer Anblick: Nasse Gestalten blicken über den Hafen auf die Brygge. (Typical view: wet people in front of Bergen's Brygge panorama.)

Typischer Anblick: Nasse Gestalten blicken über den Hafen auf die Brygge. (Typical view: wet people in front of Bergen’s Brygge panorama.)

Als wir die Felsengrotte verließen, zeigte sich Bergen von seiner wirklich garstigen Seite. Es goss in Strömen und hörte für Stunden nicht wieder auf. Wir patschten durch die Pfützen, die sich auf dem Weg zum Hafen aneinander reihten, und bis wir den berühmten kleinen Fischmarkt erreicht hatten, waren wir trotz Regenjacken einmal mehr nass bis auf die Knochen. Der Markt war zum Glück halbwegs überdacht – überraschend provisorisch übrigens. Generell finde ich es sehr amüsant, wie die Bergener mit ihrem harten Witterungsschicksal umgehen. Einerseits ist es völlig normal für Menschen jedes Alters, Gummistiefel und Regenhose beim alltäglichen Einkaufsbummel zu tragen. Und andererseits tun sie dann wieder so, als wäre es vollkommen unvorhersehbar, dass es regnen könnte. Sie stellen Wäsche raus, und in mehreren Gärten habe ich unüberdachte Sitzecken gesehen.

Meerestiere aller Art gibt es auf dem Fischmarkt. (All kinds of seafood is available at the fish market.)

Meerestiere aller Art gibt es auf dem Fischmarkt. (All kinds of seafood is available at the fish market.)

Auf dem mit Sonnenschirmen und Plastikplanen gedeckten Fischmarkt aßen wir Fischbrötchen und bestaunten all die riesigen Krebsscheren und anderen Meerestiere, die zum Verkauf angeboten wurden. Ein Norweger mit offensichtlichem Migrationshintergund schwatzte uns in verdächtig perfektem Deutsch ein himmlisch schmeckendes Stück Wildlachs auf, kalt geräuchert, für umgerechnet 20 Euro, das wir dann später zum Abendbrot mit frischem Brot vertilgten.

Hinter der berühmten Häuserzeile beginnt ein hölzernes Labyrinth. (Bergen's Old Town is a wooden maze.)

Hinter der berühmten Häuserzeile beginnt ein hölzernes Labyrinth. (Bergen’s Old Town is a wooden maze.)

Im weiterhin strömenden Regen gingen wir weiter zur Brygge, Weltkulturerbe der Unesco und Bergens berühmteste Ansicht. Ein wirklich wunderschöner Ort voller Flair und Magie. Zunächst denkt man, es handele sich einfach nur um einen Straßenzug mit alten Holzhäusern. Zwischen diesen aber führen mehrere enge Gässlein entlang, treppauf, treppab, von einer urigen Boutique zur nächsten. Viele Künstler haben sich dort niedergelassen, auch stylische Cafés, und es gibt tausend Details zu bestaunen. Sehr, sehr hübsch. Im Moment werden die Gebäude aufwändig saniert (sehr rücksichtsvoll übrigens, ausschließlich mit Originalwerkzeug und altertümlichen Materialien und ohne störende Absperrungen). Unter einem Dach trockneten Leinwände, und wir nutzten die Gelegenheit zu einem trockenen Picknick.

Schnell die Kamera raus: ein bisschen blauer Himmel über der Bergen! (Bergen's Brygge in the sunshine!)

Schnell die Kamera raus: ein bisschen blauer Himmel über der Bergen! (Bergen’s Brygge in the sunshine!)

Dann hörte der Regen tatsächlich auf, und wir erkundeten die Brygge bis in die letzten Winkel. Die Jungs waren höchst fasziniert von einem Mineralienladen und von Trollfiguren, die manche Geschäfte als Kundenfänger aufgestellt hatten.

Wir spazierten weiter zur Håkons Halle, Norwegens größtem mittelalterlichen Gebäude. (Da es in Norwegen nur wenige große Dinge gibt, ist man hier mit Superlativen immer schnell bei der Hand.) Die Kinder tobten sich aus, während wir durch den Park schlenderten. Auf dem Rückweg kam dann tatsächlich die Sonne raus! Schon erstaunlich, wie glücklich einen so eine banale Tatsache machen kann, wenn man zwei Tage lang nur Regen und Nebel gesehen hat.

Håkons Halle, Norwegens größtes mittelalterliches Gebäude (um fair zu sein, es gehört auch noch ein Turm mit dazu, der es nicht aufs Bild geschafft hat). (Norway's biggest mediaeval building.)

Håkons Halle, Norwegens größtes mittelalterliches Gebäude (um fair zu sein, es gehört auch noch ein Turm mit dazu, der es nicht aufs Bild geschafft hat). (Norway’s biggest mediaeval building.)

(Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 1. September 2009 verfasst.)

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Die Errungenschaft des 16-Stunden-Arbeitstags und ein Gebiss zur Konfirmation (in Bergen, Norwegen)

Auch wer nur ein oder zwei Tage Zeit hat für Bergen, sollte sich das Freilichtmuseum Gamle Bergen nicht entgehen lassen. Gerade für Familien ist das ein entspannter und zugleich äußerst lehrreicher Ort.

Wir fuhren ins Freilichtmuseum Gamle Bergen, und der Regen hörte tatsächlich auf. Zugunsten von diesiger grauer Nebelsuppe. Wir gönnten uns eine Führung, und ein junger Norweger nahm uns und eine weitere deutsche Familie mit in die alten Häuser. Gleich das erste Gebäude zeigte eine Ausstellung von verschiedenen Spielzeugen: Puppenhäuser, Zinnsoldaten, Papiertheater und viele andere Dinge. Janis interessierte ausgerechnet die Vitrine mit dem „Arme-Leute-Spielzeug“ aus Tannenzapfen, Wolle und Zeitungspapier am meisten. Silas stürzte sich auf die Schaukel-Ente, auf der Besucherkinder schaukeln durften. Als Janis dieses Recht dann auch einforderte und es zur obligatorischen Kabbelei kam, verpasste die Ente Silas einen herzhaften Nasenstüber. Blut floss in rauen Mengen. Martin ging mit ihm raus, während ich den Tatort notdürftig mit Taschentüchern säuberte. Zum Glück ließen sich sowohl Blutung als auch Silas recht schnell beruhigen, aber für den Rest der Führung war er extrem weinerlich und klammeraffig.

Ein netter Ort für einen Familienausflug: das Freilichtmuseum Gamle Bergen. (The open air museum is very family friendly and also very interesting.)

Ein netter Ort für einen Familienausflug: das Freilichtmuseum Gamle Bergen. (The open air museum is very family friendly and also very interesting.)

Trotzdem war es unheimlich interessant, und wir erfuhren viel über die norwegische Geschichte. Das Land ist in den vergangenen Jahrhunderten furchtbar arm gewesen, hatte die höchste Kindersterblichkeitsrate Europas und eine Lebenserwartung von 52 Jahren. In Bergen war der Platz so knapp, dass zwischenzeitlich in einem Zweifamilienhaus 54 Menschen lebten. Der Bäcker, obwohl einer der wohlhabenderen Männer der Stadt, teilte sein Schlafzimmer mit der ganzen sechsköpfigen Familie. Seine Bäckergesellen weckte er mit einem Klingelzug um ein Uhr in der Nacht, und ab dann arbeiteten die durch bis zehn Uhr abends. Erst Ende des 19. Jahrhunderts gelang es ihnen, einen 16-Stunden-Tag durchzusetzen. Im Haus des Zahnarztes erfuhren wir, dass lange Zeit ein Gebiss ein übliches Geschenk zur Konfirmation war, so mit 14, 15 Jahren, weil dann zumeist schon alle eigenen Zähne ausgefallen waren (jedenfalls seit es sich eingebürgert hatte, eine großzügige Portion Sirup über den morgendlichen Getreidebrei zu kippen).

Viel Platz hatten die Bergener in alten Zeiten oft nicht.

Viel Platz hatten die Bergener in alten Zeiten oft nicht.

Nach der Führung blieben wir noch ein bisschen auf dem frei zugänglichen Außengelände. Die Jungs bandelten mit zwei älteren Männern an, die an einem Teich die Enten fütterten. Sie gaben den Jungs altes Weißbrot, das Janis mit Begeisterung an die Vögel verfütterte, Silas mit ähnlicher Begeisterung in den eigenen Mund steckte. Mit dem jüngeren der beiden Alten kamen wir ins Gespräch. Er erzählte uns, dass er viele Jahre lang auf dem Flughafen in Gütersloh gearbeitet hat.

(Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 1. September 2009 verfasst.)

Das Freilichtmuseum Gamle Bergen befindet sich am Nyhavnsveien 4. Die Saison 2014 erstreckt sich vom 15. Mai bis zum 31. August, geöffnet ist dann täglich von 9 bis 16 Uhr. Der Eintritt für Erwachsene kostet umgerechnet 9,70 Euro; Kinder unter 18 sind, wie in den meisten norwegeischen Museen, frei.

 

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Surreal, fantastisch und in jeder Hinsicht superlativ (die Völklinger Hütte bei Saarbrücken, Deutschland)

„Und etwas außerhalb von Saarbrücken, aber auch noch sehr zu empfehlen, ist dann natürlich noch die Völklinger Hütte.“ Diesen Satz hatte uns unsere Couchsurfing-Gastgeberin Sandrine geschrieben, als wir locker per Mail das Programm für unseren Familien-Kurzurlaub in der saarländischen Landeshauptstadt planten. Der Begriff „Völklinger Hütte“ sagte mir, offen gestanden, überhaupt nichts. Ein kurzes Googeln ergab, dass es sich um ein altes Stahlwerk handelt. Klingt ja nicht so spannend, dachte ich. Oh, wie ich mich da geirrt habe! Zum Glück nämlich hatten alle alternativen Kulturprogramme montags zu, so dass wir letztlich doch im ersten Unesco-Welterbe der Industrie landeten – und einen der großartigsten Familienausflüge erlebten, an die ich mich erinnern kann.

Der pure Wahnsinn: ein surrealer Koloss aus rostigem Stahl. (The Völklingen Ironworks are simply amazing.)

Der pure Wahnsinn: ein surrealer Koloss aus rostigem Stahl. (The Völklingen Ironworks are simply amazing.)

Die Sonne scheint und lässt die Stahlpracht in rostigem Glanz erstrahlen. Was für ein Koloss von Fabrik! Schon auf dem Parkplatz kommen wir aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es dauert, bis wir den richtigen Weg gefunden haben durch das Labyrinth aus pittoresk verfallenen Industriegebäuden und Backsteinfassaden. Schließlich landen wir am Eingang der Sonderausstellung und lösen unser Familienticket, das für die komplette Anlage gilt. Die Ausstellung zum Thema „Generation Pop!“ ist knallbunt und beeindruckend. Empfehlenswerter ist aber, den Haupteingang zu wählen und den Rundgang am vorgesehenen Startpunkt zu beginnen (Geheimtipp für ähnlich orientierungslose Menschen wie uns: Zum Haupteingang gelangt man vom Parkplatz aus, wenn man sich erst nach rechts wendet, dann noch vorm Kreisel die Straße überquert und durch das Tor mit dem riesigen Schild geht, auf dem möglicherweise tatsächlich „Haupteingang“ steht).

Die Homepage der Völklinger Hütte empfiehlt „je persönlichem Tempo zwei bis drei Stunden“ für den Besuch einzuplanen. Wir sagen: Das reicht nie im Leben! Wer sich auch die Ausstellung in der Gebläsehalle ansehen, ein paar Mal die Rutsche vom Gittersteig aus hinuntersausen und die fesselnde Symbiose aus Natur und verrostendem Stahl auf sich wirken lassen möchte, sollte getrost den kompletten Nachmittag dafür einplanen, besser noch einen ganzen Tag.

Die Ausstellungsstücke der "Generation Pop!" gehen eine wundersame Symbiose mit der Gebläsehalle ein. (Industrial heritage and pop art enter a highly symbiotic relationship in a  temporary exhibition.

Die Ausstellungsstücke der “Generation Pop!” gehen eine wundersame Symbiose mit der Gebläsehalle ein. (Industrial heritage and pop art enter a highly symbiotic relationship in a temporary exhibition.

Schon allein in der Sonderausstellung könnten wir Stunden verbringen. Das Spannendste ist dabei natürlich die Ausstellungshalle an sich. Riesige Schwungräder und andere ominöse Apparaturen bilden die Kulisse für die poppigen Exponate. Am Ende der Halle stehen ein paar Tische auf dem gefliesten Boden, ein Kaffeeautomat sorgt für Heißgetränke, und mit Blick auf den gigantischen Gebläsekessel halten wir ein Picknick ab, das definitiv zu den skurrilsten unserer Reisebiografie gehört.

Einer der skurrileren Orte für ein Picknick. (One of our more bizarre picknick places.)

Einer der skurrileren Orte für ein Picknick. (One of our more bizarre picknick places.)

Über einen Steg in luftiger Höhe überqueren wir die Straße und sind nun auf dem Hauptgelände der Eisenhütte. Eine riesige Stadt aus rostigem Stahl erstreckt sich vor uns, turmhoch, und wir kommen uns winzig vor. Entdeckergeist und Forscherdrang sind geweckt. Abenteuerlustig erkunden wir das Gewirr von Gängen, Stegen, Gitterrosten, Treppen und Tunneln. Fast überall dürfen wir herumklettern, nur ab und zu sind Durchgänge abgesperrt, und alles ist gut abgesichert (ein Mindestmaß an gesundem Menschenverstand ist natürlich trotzdem erforderlich, wenn man den Ort mit kleinen Kindern besucht).

Auf sieben Kilometern Laufwegen lässt sich die Völklinger Hütte entdecken. (If you want to explore every path in the Völklingen Ironworks you'll have worked 7 km at the end of the day.)

Auf mehr als fünf Kilometern Laufwegen lässt sich die Völklinger Hütte entdecken. (If you want to explore every path in the Völklingen Ironworks you’ll have walked more than 5 km at the end of the day.)

Da, wo früher glühendes Eisen entlang floss, gibt es heute einen multimedial aufbereiteten Kurzfilm zur Geschichte der Hütte zu sehen. 1873 ist hier zum ersten Mal Stahl produziert worden. 1881 ging der erste Hochofen in Betrieb, und wenig später war das Werk in Völklingen bereits einer der größten Stahlproduzenten in Deutschland. Wir lernen, was in der Möllerhalle und in der Sinteranlage passierte, und was sich im Lauf von fast 200 Jahren Stahlindustrie geändert hat. Bis zu 17.000 Menschen haben hier gearbeitet, zumindest auf dem Höhepunkt der Entwicklung in den 1960er Jahren. Dann kam die Stahlkrise, und schon 1986 war Schluss mit der Produktion.

In luftige Höhen geht's nur mit Helm - und genug Mut, um in 40 Metern Höhe über durchsichtige Gitterroste zu laufen. (In some areas you can only go if you wear a hardhat - and are brave enough to walk over open mesh flooring in dizzy heights.)

In luftige Höhen geht’s nur mit Helm – und genug Mut, um in 40 Metern Höhe über durchsichtige Gitterroste zu laufen. (In some areas you can only go if you wear a hardhat – and if you are brave enough to walk over open mesh flooring in dizzy heights.)

Wer sich einen Helm aufsetzt und mutig all die durchsichtigen Treppenstufen hinaufsteigt, kann in wahnsinniger Höhe in den Hochofen gucken. Die Jungs und ich schaffen nur den Teil mit dem Helm, dann entscheiden wir uns spontan für eine Spielplatzpause. Während die Kinder wiederholt die Röhrenrutsche von der Brücke hinuntersausen und im Sand baggern, stelle ich beim Blick nach oben mit einiger Erleichterung fest, dass auch gestandene Männer auf halber Strecke wieder umkehren.

Auf dem Weg zum Hochofen - es geht noch höher. (On the way up to the furnace.)

Auf dem Weg zum Hochofen – es geht noch höher. (On the way up to the furnace.)

Als Martin von seinem Höhen-Abenteuer zurückkehrt, machen wir uns auf zu einer letzten großen Expedition. Hinter der Kokerei ist das „Paradies“ entstanden. Hier konnte sich die Natur jahrzehntelang ungestört ihr Reich zurückerobern. Einen Kilometer lang führt ein Spazierweg durch den inzwischen professionell in Szene gesetzten Landschaftsgarten, wo zwischen verrottenden Förderbändern und verrostenden Fassaden Birken, Schmetterlingsflieder und Blumen sprießen. Wir sind leider ein bisschen früh im Jahr, aber inzwischen muss das hochgradig großartig aussehen!

Hinter der Kokerei beginnt das "Paradies". ("Paradise" lies just behind the coking plant.)

Hinter der Kokerei beginnt das “Paradies”. (“Paradise” lies just behind the coking plant.)

Flair und Magie der Völklinger Hütte in Worte zu fassen, ist nicht leicht. Der Besuch ist ein Abenteuer, ein Erlebnis, das über eine blanke Besichtigung weit hinausgeht. Die Auseinandersetzung mit der Industriegeschichte ist lehrreich, aber die Begegnung mit Verfall und Verwandlung von etwas wahrhaft Großem berührt und inspiriert auch noch auf ganz andere Weise. Man muss das erleben.

Und immer wieder entfalten sich vor uns Bilder wie aus einem dystropischen Computerspiel. (The greatest place for taking fantastic surreal photos.)

Und immer wieder entfalten sich vor uns Bilder wie aus einem dystropischen Computerspiel. (The greatest place for taking fantastic surreal photos.)

Die Völklinger Hütte ist täglich von 10 bis 19 Uhr geöffnet (von November bis Anfang April nur bis 18 Uhr). Der Eintritt kostet 15 Euro, Kinder bis 18 Jahre zahlen nichts, und in der klassischen Familienkonstellation (2+2) zahlen alle zusammen 25 Euro. Dienstagsnachmittags ab 15 Uhr ist der Eintritt für alle frei.
Bis zum 15. Juni 2014 ist noch die bunte Ausstellung „Generation Pop! … hear me, feel me, love me!“ zu sehen. Zusätzlich gibt es bis zum selben Datum eine Ausstellung des Saarbrücker Fotografen Axl Klein zum Thema Zorn. Bis zum 9. November sind Fotografien zum Jubiläum der deutschen Wiedervereinigung ausgestellt.

Unabhängig davon, wohin die Reise in diesem Theater sonst gerade geht – dienstags ist Deutschland dran. An diesem Tag berichte ich von Kurztripps, Ausflügen und Urlaubsreisen in unserem eigenen Heimatland, entweder ganz aktuell oder rückblickend aus der jüngeren Vergangenheit.

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Unterkunft: Das Montana Family and Youth Hostel (in Bergen, Norwegen)

Jugendherbergen im Familienurlaub sind auch in Norwegen vor allem eins: praktisch. Das Zimmer ist Privatbereich der Familie, den Rest der Einrichtung teilt man sich mit (meistens) netten Mitreisenden, nutzt die Gemeinschaftsküche, Waschmaschine und oft auch Spielmöglichkeiten. Wer sich mit seiner Familie ein paar Tage lang Bergen ansehen möchte, ist im Montana Family and Youth Hostel gut aufgehoben – wer skandinavische Ruhe und Abgeschiedenheit sucht, der natürlich nicht.

Wir sind angekommen in Bergen, der Regenstadt. In jedem Reiseführer fällt spätestens im dritten Satz Bergens ultimativer Titel: die regenreichste Stadt Europas. Sie brüstet sich mit 248 Regentagen im Jahr 2005. Ungewöhnlicherweise empfing uns nur Nieselregen, was uns nach dem fast durchgängigen Dauerregen der sechsstündigen Fahrt sehr falsch vorkam.

Zweckdienlich und vergleichsweise erschwinglich, wenn man mit der Familie in Bergen unterwegs ist: das Montana Hostel. (Absolutely okay for a family trip if you don't want to spend a fortune.)

Zweckdienlich und vergleichsweise erschwinglich, wenn man mit der Familie in Bergen unterwegs ist: das Montana Hostel. (Absolutely okay for a family trip if you don’t want to spend a fortune.)

Wir übernachten im Montana Vandrerhjem oberhalb der Stadt. Ein großer, sauberer, anonymer Kasten mit sterilen, geräumigen Zimmern. Wir kamen zur Abendbrotszeit, und die Gästeküche platze aus allen Nähten. Martin räumte das Auto aus, und ich beschäftigte zwei Kinder, die den ganzen Tag still im Auto gesessen hatten, indem ich mit ihnen mitten im internationalen Gewusel Eierkuchenteig anrührte.

Zwischendurch gab es einen lauten Knall, als der Topf der vier Koreaner explodierte. Die nahmen fast alle Kochplatten ein, um eine große Menge sperriger Meerestiere zuzubereiten, was sie mit pausenlosem, sehr aufgeregten Gesabbel taten. Ein älterer Italiener, der mich mit seinem süffisanten Grinsen allzu sehr an seinen Landesherren erinnerte, hatte plötzlich seine langen mafiösen Finger in unserer Klappkiste und unsere Nudeln in der Hand. Als ich ihn höflich mit der Tatsache konfrontierte, dass es sich um unsere Teigwaren handele, entschuldigte er sich wortreich in einem Schwall mit viel Italienisch und wenig Englisch, ließ die Nudeln jedoch nicht los. Stattdessen versprach er mir, morgen für Ersatz zu sorgen. Ich bezweifele, dass ich ihn oder irgendwelche Kompensationen je wiedersehen werde. Dafür hat mir eine Britin, die morgen abreist, ihre noch fast volle Packung Schwarztee geschenkt.

Und die Eierkuchen schmeckten trotz minimaler Küchenausstattung (und mit Schneebesen gerührt) recht gut. Die Kochplatten übrigens funktionieren nur, wenn man zehn Kronen einwirft, und Gläser gibt es überhaupt keine.

Nach dem Essen war es schon nach zehn, aber die Kinder mussten dringend noch mal raus. Also stiefelten wir durch den lauwarmen Nieselregen und unternahmen eine Nachtwanderung zu einem Aussichtspunkt, von wo aus wir über die regenblassen Lichter der Stadt sehen konnten.

Die Regenstadt von oben, ganz in der Nähe des Hostels. (Bergen seen from the viewpoint close to the hostel.)

Die Regenstadt von oben, ganz in der Nähe des Hostels (hier nicht um halb zehn am Abend fotografiert). (Bergen seen from the viewpoint close to the hostel.)

Am Morgen wurde die Regenstadt ihrem Ruf gerecht, denn er begann mit peitschendem Sturm und – Regen. Wir dagegen begannen den Tag mit einem sehr guten Frühstück, das im Preis der Jugendherberge enthalten ist. Heringshappen in drei verschiedenen Geschmacksrichtungen, typisch norwegischem brunost-”Karamellkäse”, Apfelsinenmarmelade, Müsli mit Dickmilch und allerlei gewöhnliches Frühstückszeug.

Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 1. September 2009 verfasst.

Das Montana Family ande Youth Hostel hat die Adresse Johan Blytts vei 30, 5096 Bergen. In der Hauptsaison (1. Mai bis 30. September 2014) kostet ein Familienzimmer (2 + 2 oder 3) umgerechnet rund 120 Euro (oder in der Spar-Version mit Gemeinschaftsbad auf dem Flur 108 Euro).

Veröffentlicht unter Norwegen, Skandinavien 2009 | Verschlagwortet mit , , , , , , , | 2 Kommentare