Unser schönster Spaziergang im Skandinavien-Urlaub (in Soldal, Norwegen)

Couchsurfing hat viele Vorteile. Einer davon ist, dass man „Geheimtipps“ von Einheimischen bekommt und auf diese Weise Orte sieht, die „normalen“ Reisenden verborgen bleiben. Ohne den Tipp unserer Gastgeberin Natalia wären wir nie in das recht abgelegene Soldal abgebogen und hätten die schönste Wanderung unseres Skandinavien-Urlaubs verpasst.

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Heute Morgen hatten wir unseren ersten sichtbaren Sonnenaufgang hier in Norwegen, mit strahlend schönem Wetter. Nach dem Frühstück sind wir zusammen mit Natalia und den Kindern zu einem See in Soldal gefahren. Wunderschön war es dort, mit einem atemberaubenden Bergpanorama. Die Zwillinge waren sehr mies drauf, und Natalia hatte den Kinderwagen vergessen, so dass sie bald wieder umkehrte. Uns empfahl sie einen Spaziergang zum Wasserfall, welcher wirklich sehr hübsch war. Und die Sonne! Herrlich.

oystese-familie-wandertWir sahen Hütten und Schafe und kamen schließlich an einen munter plätschernden Bach, an dem die Kinder spielen konnten. Wir bauten Rindenschiffchen und gingen dann ein bisschen weiter, wo der große Bruder des Bächleins als tosendes Wildwasser in den See hinunterspülte.

oystese-brückeIn ewigen Strudeln hatten Steine runde Löcher in den Untergrund gebohrt, Trolltöpfe genannt. Die milchweißen Wasserfälle, die hier überall von den Berghängen rinnen, animierten mich dazu, den Jungs die Geschichte vom Riesen Ymir und Undula der Urkuh zu erzählen. Die beiden nahmen das Märchen freudig auf und sind seitdem ständig auf der Suche nach der Kuh.

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(Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 3. September 2009 verfasst.)

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Couchsurfing-Idylle am Hardanger-Fjord (in Øystese, Norwegen)

Einen unserer schönsten Familien-Couchsurfing-Aufenthalte erlebten wir direkt am Hardanger-Fjord in Norwegen. Es waren gar nicht so sehr die äußeren Gegebenheiten. Viel wichtiger ist, dass einfach die Chemie stimmt.

Nach dem Frühstück fuhren wir aus Bergen raus und am Hardangerfjord entlang Richtung Kvam. In Øystese, etwa eineinhalb Stunden von Bergen entfernt, wohnen die Couchsurfer, bei denen wir jetzt untergekommen sind. Es ist eine Familie mit drei kleinen Kindern, einem vierjährigen Mädchen und eineinhalbjährigen Zwillingen. Die Mutter, Natalia, ist mit den Kindern zu Hause. Nebenbei studiert sie Arabistik. Sie ist halb Norwegerin, halb Amerikanerin, und als sie klein war, sind ihre Eltern mit ihr zwei Jahre lang auf einem Segelboot um die Welt gefahren. Ihr Mann ist Däne und gerade auf Fortbildung. Er arbeitet in einem Museum hier in der Nähe. Natalia ist eine ganz tolle Mutter, so unendlich liebevoll und nie gestresst. Ich bin voller Hochachtung. Sie nimmt den Waldorf-Ansatz ernst, die Kinder haben wenig Spielzeug, aber schönes. Meine Jungs sind ganz begeistert von den Seidentüchern und den irregulären Holzklötzen, und dem Puppenhaus.

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Am Nachmittag haben wir einen Spaziergang zum Bauern um die Ecke gemacht, um Milch zu holen. Wir haben die Kühe angesehen (Silas hatte ganz schön Respekt), auch Hasen und eine Katze. Dann hat Natalia mit allen Kindern zusammen Brot gebacken. Janis hat ein Krokodil geknetet, Silas etwas, von dem er meint, es wäre eine Seerobbe. Dann waren wir noch draußen im Hof. Erst haben wir zusammen Tulpenzwiebeln gesteckt, dann haben die Kinder im Sandkasten gespielt. Es war so wunderbar friedlich, ein ganz toller Tag.

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Abends habe ich Käsespätzle gemacht für uns alle. Als die Kinder im Bett waren, haben wir noch ein paar schöne Stunden zusammengesessen, Wein getrunken und über Gott und die Welt im Allgemeinen und Waldorfpädagogik im Besonderen gesprochen. Eigentlich wollten wir nur eine Nacht bleiben und dann gleich weiter nach Gol fahren. Diesen Couchsurfing-Aufenthalt haben wir auf den letzten Drücker noch eingeschoben, weil Natalia meine Mail über die Seite erst sehr spät beantwortet hat (da sie ihrer Diplomarbeit wegen im Libanon war). Sie lud uns aber so herzlich ein, noch eine weitere Nacht zu bleiben, und wir finden es hier alle so schön, dass wir spontan beschlossen, eine unserer beiden gebuchten Hüttenübernachtungen zu stornieren, koste es, was es wolle.
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Unser Quartier im Kellerbüro war absolut okay: Matratzenlager für Martin und mich, Janis schlief auf einer Couch, Silas im Reisebett.

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Von bunten Holzhäusern, feuchten Erdlöchern und seeehr alten Familienbanden (bei Clausthal-Zellerfeld)

Das Oster-Wochenende verbringen wir im Harz. Das ist gar nicht so weit von uns, und jedes Mal, wenn wir hier sind, wundern wir uns, dass wir nicht öfter mal einen Abstecher in Deutschlands nördlichstes Mittelgebirge unternehmen. Hier gibt es herrliche Natur, viel zu erleben für Eltern und Kinder!

Und dann regnet es. Auf fiese Art und Weise. Was machen wir denn da?

Zunächst kurven wir durch den Nationalpark (nicht einfach so, wir haben durchaus einen Plan, aber der führt uns nun einmal durch diese wirklich beeindruckende Landschaft). In den Tälern hängt fetzenweise der Nebel. Ein heftiges Regenschauer geht nieder, dann wieder blitzt die Sonne auf dramatische Weise für ein paar Minuten durch die Wolken, und der tropfnasse Wald glitzert. Selbst das Mistwetter hat hier eine große Show.

Wir fahren durch Clausthal-Zellerfeld, und unser Blick fällt auf die prächtige blaue Holzkirche. Der Himmel hält gerade mal dicht, und so beschließen wir spontan, uns das Bauwerk aus der Nähe anzusehen. Tatsächlich handelt es sich um Europas größtes hölzernes Sakralgebäude. Mitten im 30-jährigen Krieg leisteten sich die Clausthaler diesen Prachtbau, den sie 1642 einweihten.

Die himmelblaue Marktkirche in Clausthal-Zellerfeld ist die größte Holzkirche Europas. (Clausthal-Zellerfeld’s church is the biggest one in Europe that’s made from wood.)

Die himmelblaue Marktkirche in Clausthal-Zellerfeld ist die größte Holzkirche Europas. (Clausthal-Zellerfeld’s church is the biggest one in Europe that’s made from wood.)

Als wir die Kirche verlassen, peitscht Schneeregen durch die Straßen der kleinen Stadt. Wir suchen Zuflucht in einem unscheinbaren Bäcker-Café. Eine halbe Stunde später ist tatsächlich blauer Himmel zu sehen. Nun sieht das winzige Bergbau-Städtchen schon viel freundlicher aus. Wir schlendern an den bunten Holzfassaden vorbei, die dem Ort ein ungewöhnliches, einprägsames Gesicht geben. Viel los ist hier freilich nicht. Clausthal ist geprägt von seiner Technischen Universität, der einzigen, an der man in Deutschland Dinge wie Bergbau und Management von radioaktiven Abfällen studieren kann. Weltweit genießt sie einen exzellenten Ruf, und entsprechend multinational zeigt sich das Straßenbild.

Mit seinen bunten Holzfassaden wirkt Clausthal-Zellerfeld ziemlich exotisch – und sehr hübsch. (The colourful wooden houses of the tiny town look very different from those outside of the Harz region.)

Mit seinen bunten Holzfassaden wirkt Clausthal-Zellerfeld ziemlich exotisch – und sehr hübsch. (The colourful wooden houses of the tiny town look very different from those outside of the Harz region.)

Von hier aus ist es nicht mehr weit bis nach Bad Grund, unserem eigentlichen Tagesziel. Direkt an der Landstraße öffnet sich der Berg zur Höhlen-Erlebniswelt. Hier tropft es mitunter zwar auch von oben, aber alle Arten von ernsthaftem Niederschlag bleiben uns erspart.

Zur vollen Stunde beginnen die Führungen durch die Welt im Berg (in der Fotografieren nicht erlaubt ist). Gut 30 Minuten haben wir Zeit, um von der Kasse aus ein paar hundert Meter zum Startpunkt zurückzulegen. Die führen uns durch das „Museum im Berg“, das sich der geologischen Entstehungsgeschichte des Harzes widmet. Ein Zahlenstrahl an der Stollenwand begleitet uns und vermittelt uns das irre Alter der Erde im Vergleich zur Geschichte des Lebens auf dem Planeten. Die Jungs staunen, wie lange es dauerte, bis die Landmassen die Formen annahmen, die sie kennen. Dass der Harz älter ist als die endgültige Ausformung der Kontinente, verwirrt und fasziniert sie gleichermaßen.

Aus meiner eigenen Schulzeit erinnere ich mich dunkel an eine Besichtigung der Iberger Tropfsteinhöhle. Ich krame in meinem Gedächtnis und stoße hauptsächlich auf ein Gefühl der Enttäuschung. Das ändert sich auch nicht beim zweiten Anlauf. Es tropft, und es gibt ein paar Stalaktiten und Stalakmiten zu sehen. Geologisch ist die Angelegenheit durchaus interessant, da es sich um ein uraltes Korallenriff handelt, in dem die Hohlräume durch Verwitterungsprozesse entstanden. Aber gegen die prachtvollen und bizarren Gebilde, die beispielsweise in der Teufelshöhle in der fränkischen Schweiz aus Boden und Decke wachsen, kann der Hohlraum im Harz einfach nicht gegen an. Nett ist es natürlich trotzdem. Unsere Führerin gibt sich gerade mit den Kindern große Mühe, erzählt vom Zwergenkönig Hübich und zeigt ihnen Felsgebilde, in denen sich mit viel Mühe Tiere erkennen lassen. Aber, ganz ehrlich: Wer in Mitteldeutschland ein wirklich sehenswertes Unterwelt-Abenteuer erleben möchte, sollte bis zur Barbarossa-Höhle im Kyffhäuser durchfahren.

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Was das Erlebniszentrum hingegen absolut empfehlenswert macht, zumindest für Menschen mit signifikant gesteigertem geschichtlichen Interesse, ist das „Museum am Berg“, das ebenfalls im Eintrittspreis enthalten ist. Der überirdische Teil der Anlage widmet sich den Erkenntnissen aus der archäologischen Erschließung der Lichtenberg-Höhle. Die befindet sich etwa 15 Kilometer entfernt und ist selbst nicht öffentlich zugänglich. 1980 wurde dort eine Art bronzezeitliches Familiengrab entdeckt. An dieser Stelle muss ich mich arg bremsen, um nicht in enthusiastische Detailbeschreibungen auszuarten. Fakt ist, dass der Fund der insgesamt 65 Toten insofern sensationelle Ausmaße annahm, als dass ihre DNA teilweise entschlüsselt und erstmals gesicherte Aussagen über Verwandtschaftsverhältnisse jahrtausendealter Menschen getroffen werden konnten. Und damit nicht genug: Forensische Tests mit Probanden aus der heutigen Zeit ergaben, dass mehr als 3000 Jahre später in den Ortschaften rund um Bad Grund immer noch zahlreiche Verwandte der Toten leben! Ich habe diese Erkenntnisse schon voller Staunen und Euphorie verfolgt, als sie 2007 in die Öffentlichkeit gelangten. Sie jetzt professionell und spannend aufbereitet in der kleinen, aber hervorragenden Ausstellung präsentiert zu bekommen, versetzt mich gut zwei Stunden lang in einen Zustand der Glückseligkeit. Mit vielen Originalfunden, gut geschriebenen Infotexten und einer angemessenen Einflechtung von Multimedia-Elementen vermittelt das Museum anschaulich die Lebenswelt der Menschen in der späten Bronzezeit. Martin und die Jungs halten es nur gut halb so lange dort aus, unterhalten sich dann aber gut mit dem Erforschen des 1:1 Nachbaus der Lichtenstein-Höhle und anschließend mit einem Stück Erdbeerkuchen im Museums-Café, bis ihre frühgeschichtliche Nerd-Mutter um 17 Uhr aus dem Museum gekehrt wird.

Fazit: Wer einen halben Regentag im Harz rumkriegen möchte, ist auch als Nicht-Historiker im Höhlen-Erlebniszentrum gut aufgehoben.

Das „HöhlenErlebnisZentrum Iberger Tropfsteinhöhle“ befindet sich direkt an der B 242 und ist sehr gut ausgeschildert. Tickets umfassen grundsätzlich sowohl eine Höhlenführung als auch das erdgeschichtliche „Museum im Berg“ sowie das „Museum am Berg“ über das Grab der Familie aus der Bronzezeit und ihre heutigen Nachkommen. Erwachsene zahlen 8 Euro, Kinder 6, die Familienkarte (2+2) kostet 22 Euro. Kostenlose Parkplätze sind direkt vorm Eingang vorhanden. Die Höhle ist nicht barrierefrei und damit auch für den Kinderwagen nicht geeignet.

Unabhängig davon, wohin die Reise in diesem Theater sonst gerade geht – dienstags ist Deutschland dran. An diesem Tag berichte ich von Kurztripps, Ausflügen und Urlaubsreisen in unserem eigenen Heimatland, entweder ganz aktuell oder rückblickend aus der jüngeren Vergangenheit.

 

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Das Geheimnis der Pyramide im Schaumburger Wald (bei Rusbend, Deutschland)

Dass große Herrscher in Pyramiden bestattet werden, wissen wir seit den ägyptischen Pharaonen. Mit deren Reich kann sich unser kleines Fürstentum nicht ganz messen. Das war mit Sicherheit auch Graf Wilhelm zu Schaumburg-Lippe klar. Trotzdem ließ er 1776 das Mausoleum für sich und seine kleine Familie in Form einer Stufenpyramide errichten.

Es ist ein schöner Sonntag im Frühling, und uns steht der Sinn nach einer kleinen Fahrradtour. Das Ziel ist schnell gefunden, denn seit die Jungs gehört haben, dass sich ganz in der Nähe von Schloss Baum eine Pyramide befindet, wollen sie die auch sehen. Von Bückeburg bzw. Minden aus führt die ausgezeichnete Radstrecke der Fürstenroute hier vorbei bis ans Steinhuder Meer. Das Gelände ist flach, alle Umstände angenehm, und so haben wir es bald geschafft. Vom Waldweg aus ist das Bauwerk nicht zu übersehen.

Für die Ewigkeit gebaut, oder doch wenigstens dafür, sie zu symbolisieren: Das Mausoleum von Graf Wilhelm und seiner Familie schimmert unweit von Schloss Baum durch die Vegetation. (Built for eternity or at least to symbolize it: the pyramid is the grave of Graf Wilhelm zu Schaumburg and his small family.)

Für die Ewigkeit gebaut, oder doch wenigstens dafür, sie zu symbolisieren: Das Mausoleum von Graf Wilhelm und seiner Familie schimmert unweit von Schloss Baum durch die Vegetation. (Built for eternity or at least to symbolize it: the pyramid is the grave of Graf Wilhelm zu Schaumburg and his small family.)

Das wundert mich, denn als ich das letzte Mal hier war, versteckte sich das Mausoleum noch zwischen dichten Nadelbäumen. Hier ist offenbar einiges im Schwange, und als wir auf die schwere Eingangstür des Grabmals zugehen und uns den Aushang ansehen, wissen wir auch, was: Die ganze Anlage soll zurückversetzt werden in ihren ursprünglichen Zustand, gemäß den Plänen, die Graf Wilhelm selbst entworfen hat. Ein spiralförmiger Weg ist neu angelegt, gesäumt von Buchenhecken, die noch ein bisschen Zeit brauchen, bis sie wirklich was her machen. Spätestens dann aber wird sich das Mausoleum – das nach denen in Bückeburg und Stadthagen übrigens nur das drittgrößte im Schaumburger Land ist – zu einer echten Sehenswürdigkeit mausern.

So soll's werden: Die derzeit noch spärlich sprießende Spirale steht für den Lebensweg, Pyramide und Dreieck symbolisieren das aufklärerische Denken des Freimaurers. (This is how the park is going to look like again.)

So soll’s werden: Die derzeit noch spärlich sprießende Spirale steht für den Lebensweg, Pyramide und Dreieck symbolisieren das aufklärerische Denken des Freimaurers. (This is how the park is going to look like again.)

„Und wer ist da jetzt genau begraben?“ fragt Janis, während er vergeblich versucht, die Geheimnisse im Innern der Pyramide durch die Lüftungsschlitze zu ergründen. Ich habe mich vorher schlau gemacht und kann ihm die traurige Geschichte erzählen von dem Grafen, der erst sein einziges kleines Töchterchen verliert, zwei Jahre später seine Frau, und der im Jahr drauf selbst stirbt, so dass sie sie alle drei vereint sind in dem dunklen Raum da vor uns. Die Jungs wollen es genau wissen. „Wie hieß das Mädchen?“ – „Woran ist die gestorben?“ – „Wie alt war die?“ Sie hieß Emilie, erkrankte an Tuberkulose, was damals oft genug tötlich endete, und starb kurz vor ihrem dritten Geburtstag. „Oje“, sagt Janis, und für einen kurzen Moment sind die Kinder echt betroffen. Dann aber entdecken sie gefällte Baumstämme, die zum Klettern einladen (nachdem ich ihnen vehement klar gemacht habe, dass es sich bei dem Grabmal nicht um ein Klettergerüst handelt), und schon sind sie wieder ganz mit ihrem Spiel beschäftigt. Was ich mir sonst noch über Graf Wilhelm und seine Familie angelesen habe, kann ich bloß noch Martin erzählen.

Im Moment wirkt die Anlage reichlich kahl - sie wird gerade zurückversetzt in ihren ursprünglichen Zustand als Landschaftsgarten. (Right now the area around the mausoleum looks a bit rough, but it is going to be re-transformed into a park full of symbolic meaning.)

Im Moment wirkt die Anlage reichlich kahl – sie wird gerade zurückversetzt in ihren ursprünglichen Zustand als Landschaftsgarten. (Right now the area around the mausoleum looks a bit rough, but it is going to be re-transformed into a park full of symbolic meaning.)

Der Landesherr galt als aufgeklärter und intelligenter Mann, zählte am Hof von Friedrich dem Großen zum engeren Zirkel um den Philosophen Voltaire. Als Heerführer diente er Preußen im Siebenjährigen Krieg und entwickelte die Theorie des reinen Verteidigungskriegs, welchen er für die einzig vertretbare Variante der Kriegsführung hielt. Als er sich nach dem Tod seines Vaters und seines älteren Bruders den Regierungsgeschäften des Zwergstaates widmen musste, tat er das unter großer Beliebtheit des Volkes (wenn auch nicht gerade der seiner Staatskasse, da er unheimlich viel Geld ins Militär steckte). Er war es, der im Steinhuder Meer die künstliche Insel mit der Festung Wilhelmstein errichten ließ, und auf seine Initiative ging dort der Bau des ersten Unterseeboots zurück. „Ein großer Herr, aber für sein Land zu groß“, klagte Johann Gottfried Herder, der 1771 als Hofprediger nach Bückeburg kam.

Der Dichter und Freund Goethes war generell nicht sonderlich angetan von seiner neuen Stellung in dem kleinen Schaumburg-Lippe, wohl aber von Wilhelms 20 Jahre jüngeren Frau, Gräfin Marie. Ihre Gläubigkeit beeindruckte ihn sehr – und das wiederum passte dem Grafen nicht. Es muss eine schwierige Dreiecksbeziehung gewesen sein, wie aus zahlreichen Briefen Herders hervorgeht. Er war es, der die kleine Emilie taufte und dann so bald wieder beerdigte. Die Trauerfeier für Gräfin Marie zwei Jahre drauf war seine letzte Amtshandlung in Bückeburg.

Schloss Baum gilt als eines der kleinsten Schlösser in Europa. (The tiny summer residence is said to be one of the smallest palaces in Europe.)

Schloss Baum gilt als eines der kleinsten Schlösser in Europa. (The tiny summer residence is said to be one of the smallest palaces in Europe.)

Nur wenige Meter von der Grabstätte entfernt befindet sich das Jagdschloss Baum, ein winziges Lustschloss, das Graf Wilhelm bereits 1760 errichten ließ. Hier war sein bevorzugter Aufenthaltsort, jenseits des höfischen Protokolls des großen Schlosses in Bückeburg. Es liegt an der Grenze der damaligen Grafschaft, der Name „Schloss Baum“ bezieht sich auf den Schlagbaum an der Zollstation. Heute ist es eine Tagungsstätte der evangelischen Jugend in Schaumburg, kann – mit jahrelanger (!) Vorlaufzeit – aber auch für grandiose Hochzeiten und andere Veranstaltungen angemietet werden.

Freitags zeige ich euch spannende Ausflugsziele aus Schaumburg und der näheren (und weiteren) Umgebung. Es gibt so viel zu erkunden in aller Welt, aber auch bei uns zu Hause warten genügend kleine, große und völlig unterschätzte Sensationen darauf, entdeckt zu werden. Und vielleicht ist ja genau die richtige Idee für eure Wochenend-Planung dabei?

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Familienausflug in die Regen-Stadt (in Bergen, Norwegen)

Ein Stadtbummel durch die regenreichste Stadt Europas ist meistens nass, aber immer interessant. Die hölzerne Altstadt der Brygge, der Fischmarkt und Håkons Halle lohnen einen Besuch, und auch für Kinder gibt es viel zu entdecken und zu erkunden.

Es fing wieder an zu regnen, und wir fuhren in die Innenstadt. Die Tiefgarage war in den nackten Fels gesprengt. Ein sehr merkwürdiges Gefühl, quasi in einer Höhle zu parken, die weiß angestrichen und mit ein paar Stahlbetonträgern ausgestattet ist. Wenn man sich vorstellt, wie viel Arbeit nötig war, um das Ding in Existenz zu bringen, verwundern auch die exorbitanten Parkgebühren nicht mehr.

Typischer Anblick: Nasse Gestalten blicken über den Hafen auf die Brygge. (Typical view: wet people in front of Bergen's Brygge panorama.)

Typischer Anblick: Nasse Gestalten blicken über den Hafen auf die Brygge. (Typical view: wet people in front of Bergen’s Brygge panorama.)

Als wir die Felsengrotte verließen, zeigte sich Bergen von seiner wirklich garstigen Seite. Es goss in Strömen und hörte für Stunden nicht wieder auf. Wir patschten durch die Pfützen, die sich auf dem Weg zum Hafen aneinander reihten, und bis wir den berühmten kleinen Fischmarkt erreicht hatten, waren wir trotz Regenjacken einmal mehr nass bis auf die Knochen. Der Markt war zum Glück halbwegs überdacht – überraschend provisorisch übrigens. Generell finde ich es sehr amüsant, wie die Bergener mit ihrem harten Witterungsschicksal umgehen. Einerseits ist es völlig normal für Menschen jedes Alters, Gummistiefel und Regenhose beim alltäglichen Einkaufsbummel zu tragen. Und andererseits tun sie dann wieder so, als wäre es vollkommen unvorhersehbar, dass es regnen könnte. Sie stellen Wäsche raus, und in mehreren Gärten habe ich unüberdachte Sitzecken gesehen.

Meerestiere aller Art gibt es auf dem Fischmarkt. (All kinds of seafood is available at the fish market.)

Meerestiere aller Art gibt es auf dem Fischmarkt. (All kinds of seafood is available at the fish market.)

Auf dem mit Sonnenschirmen und Plastikplanen gedeckten Fischmarkt aßen wir Fischbrötchen und bestaunten all die riesigen Krebsscheren und anderen Meerestiere, die zum Verkauf angeboten wurden. Ein Norweger mit offensichtlichem Migrationshintergund schwatzte uns in verdächtig perfektem Deutsch ein himmlisch schmeckendes Stück Wildlachs auf, kalt geräuchert, für umgerechnet 20 Euro, das wir dann später zum Abendbrot mit frischem Brot vertilgten.

Hinter der berühmten Häuserzeile beginnt ein hölzernes Labyrinth. (Bergen's Old Town is a wooden maze.)

Hinter der berühmten Häuserzeile beginnt ein hölzernes Labyrinth. (Bergen’s Old Town is a wooden maze.)

Im weiterhin strömenden Regen gingen wir weiter zur Brygge, Weltkulturerbe der Unesco und Bergens berühmteste Ansicht. Ein wirklich wunderschöner Ort voller Flair und Magie. Zunächst denkt man, es handele sich einfach nur um einen Straßenzug mit alten Holzhäusern. Zwischen diesen aber führen mehrere enge Gässlein entlang, treppauf, treppab, von einer urigen Boutique zur nächsten. Viele Künstler haben sich dort niedergelassen, auch stylische Cafés, und es gibt tausend Details zu bestaunen. Sehr, sehr hübsch. Im Moment werden die Gebäude aufwändig saniert (sehr rücksichtsvoll übrigens, ausschließlich mit Originalwerkzeug und altertümlichen Materialien und ohne störende Absperrungen). Unter einem Dach trockneten Leinwände, und wir nutzten die Gelegenheit zu einem trockenen Picknick.

Schnell die Kamera raus: ein bisschen blauer Himmel über der Bergen! (Bergen's Brygge in the sunshine!)

Schnell die Kamera raus: ein bisschen blauer Himmel über der Bergen! (Bergen’s Brygge in the sunshine!)

Dann hörte der Regen tatsächlich auf, und wir erkundeten die Brygge bis in die letzten Winkel. Die Jungs waren höchst fasziniert von einem Mineralienladen und von Trollfiguren, die manche Geschäfte als Kundenfänger aufgestellt hatten.

Wir spazierten weiter zur Håkons Halle, Norwegens größtem mittelalterlichen Gebäude. (Da es in Norwegen nur wenige große Dinge gibt, ist man hier mit Superlativen immer schnell bei der Hand.) Die Kinder tobten sich aus, während wir durch den Park schlenderten. Auf dem Rückweg kam dann tatsächlich die Sonne raus! Schon erstaunlich, wie glücklich einen so eine banale Tatsache machen kann, wenn man zwei Tage lang nur Regen und Nebel gesehen hat.

Håkons Halle, Norwegens größtes mittelalterliches Gebäude (um fair zu sein, es gehört auch noch ein Turm mit dazu, der es nicht aufs Bild geschafft hat). (Norway's biggest mediaeval building.)

Håkons Halle, Norwegens größtes mittelalterliches Gebäude (um fair zu sein, es gehört auch noch ein Turm mit dazu, der es nicht aufs Bild geschafft hat). (Norway’s biggest mediaeval building.)

(Diesen Eintrag meines Reisetagebuchs habe ich am 1. September 2009 verfasst.)

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